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Anruf zur Hessenwahl am 18.1.09

„ Hallo, Schwesterchen. Ihr wählt doch am Sonntag einen neuen Landtag. Kannst Du als Mitglied der Partei Die Linke. mir mal in einigen Sätzen erklären, warum man Eure Partei wählen sollte. Ich habe nämlich von einer Freundin, die in Hessen zur Wahl gehen möchte, eine Anfrage gekriegt?“

„Also, Schwesterherz, Du als Hartz IV-Empfängerin  bist doch schon Grund genug. Oder hast Du Dich mit Deiner Situation mittlerweile abgefunden?“

„Abgefunden? Dass ich nicht lache! Diese Schikane! Erst musste ich mich nackt ausziehen und Nabelschau betreiben, nur um meine Bedürftigkeit nachzuweisen, und dann werde ich dauernd traktiert, mit diesem und jenem, und wenn  ich diesen blöden 1-Euro-Job nicht mache, den ich neulich aufgebuckelt bekommen habe, kriege ich meine Leistungen gekürzt, obwohl von Hartz IV ohnehin niemand leben kann, wenn er nicht enorme Phantasien zum Überlebenstraining entwickelt.  Zum Beispiel schneide ich von alten Klamotten die Ärmel ab, um mir daraus Knie- und Pulswärmer zu basteln, wegen meiner Gelenke, weißt Du, die keine Kälte mehr vertragen können. Ich kann mir halt die Praxisgebühren und die Zuzahlung zu den Medikamenten  nicht leisten.“

„Na, siehst Du, die Zuzahlungen wollen wir neben Hartz IV auch abschaffen. Die ganze Agenda 2010 mitsamt dem kapitalistischen System gehört in den Orkus der Geschichte. Was verstehen  die Agenda-Apologeten eigentlich unter Reform? Gemeinhin versteht man doch unter Reform eine Verbesserung für arme Leute. Aber das Gegenteil ist der Fall! Und welche Parteien haben bisher die Agenda unterstützt? Alle anderen namhaften Parteien, ob es die CDU/CSU ist oder die FDP und die Grünen!  Sogar die SPD, meine Liebe, da kannst Du Gift drauf nehmen. Apropos: Was  ist denn das für ein 1-Euro-Job, zu dem Du jetzt verknackt worden bist? Würde der Dir Spaß machen?“

„I wo! Das, was ich kann, wird kaum anerkannt. Ich soll da reingepfercht werden in ein Altenwohnheim, Arsch abputzen und so, obwohl ich dafür überhaupt keine Ausbildung habe. Naja, vielleicht muss man dafür gar nicht ausgebildet sein. Früher, als ich noch Erzieherin war, da habe ich mich zwar ebenfalls um Popos gekümmert, aber um Kinderpopos, das ist was völlig anderes. Außerdem war das nur hin und wieder. Aber in diesem Altenwohnheim – das hörte ich von anderen 1-Euro-Jobbern, die dort arbeiten – wirst Du gerade für solche Arbeiten verwendet. Arbeiten, die die anderen möglichst nicht machen wollen. Also den ganzen Tag Bettpfannen auslehren, Toiletten reinigen und noch solch schöne Sachen. Und was meine Kindergartenkinder früher anbetrifft: Die konnte ich wenigstens tragen. Du weißt ja, ich hab´s am Rücken. Aber der Amtsarzt sagt, Rückenprobleme, das sei ein Volksleiden, und die anderen müssten damit ja auch arbeiten. Ich sollte mich nicht so anstellen. Das ist echt ein Skandal. Und dieser paritätische Wohlfahrtsverband, für den ich arbeiten soll! Nur weil er gemeinnützig ist, bekommt er Sklaven zugeschoben, die für  ihn umsonst arbeiten. Meine Güte, da könnte ich schon einen dicken Hals kriegen!“

„Da hast Du allen Grund dazu.  Und weißt Du was?  Es kommt  noch dicker:  Die Sklavenhändler kriegen sogar eine Kopfprämie für jeden  1-Euro-Jobber. Man stelle sich vor: 300.- bis 600.- Euro pro Nase monatlich. Da machen die ein dickes Geschäft, statt dass das Geld demjenigen zugute kommt, der wirklich dafür arbeitet! Es sind schon Agenturen wie Pilze aus dem Boden geschossen, die pro forma Arbeitslose einstellen und sich dabei eine goldene Nase verdienen.

„Meine Güte! Wie korrupt das ist!“

Ja, und deswegen kostet Hartz IV schon doppelt so viel, wie ursprünglich veranschlagt, statt 13 Milliarden so um die 26 Milliarden!“

„Was man damit alles machen könnte!  Warum stellen die uns mit diesem Geld nicht ein für angemessene und gute Arbeit?“

„Tja, das ist das kapitalistische Ausbeutungsystem. Um in der weltweiten Konkurrenz bestehen zu können, werden die Löhne immer mehr gedrückt. Denn im System kapitalistischer Profitlogik kann nur noch an der Schraube der menschlichen Arbeitskraft gedreht werden, solange, bis die Menschen vor Erschöpfung zusammenkrachen und hoffentlich dieses System kollabiert. Aber bis dahin sind unsere Kinder sicher schon erwachsen. Fragt sich nur, welchen Beruf sie dann haben, bei unserer Ausbildungsmisere. Statt mehr Geld in Bildung zu investieren – in dem Fall könntest Du als Erzieherin an einer schulischen Einrichtung eingestellt werden und sicherlich Deinen Rücken schonen – wird es sinnlos zum Fenster rausgeworfen. Obwohl doch fast jeder weiß, dass das Bildungswesen  in Deutschland so marode ist wie in kaum einem anderen europäischen Land - auch da gehören wir europaweit zum Schlusslicht – wird das Geld darüberhinaus den Banken hinterhergeschmissen, jetzt, zur Zeit der Finanzkrise.  Überhaupt ist es ein unglaublicher Widerspruch, wenn postuliert wird, wie von Agenda-Schröder damals dahergebetet, wir dürften im Sinne der Generationengerechtigkeit unseren Kindern später keine Schulden aufhalsen, und auf der anderen Seite werden die  so schlecht ausgebildet, dass jedes  Entwicklungsland, wie China oder Indien z.B., in Punkto Ausbildung viel  besser dasteht. Wenn unsere Kinder erwachsen sind, wird es im wesentlichen darum gehen, wer besser ausgebildet ist. Genau deshalb wollen wir den Bildungsetat enorm erhöhen, Gemeinschaftsschulen bis einschließlich 10. Klasse einrichten, damit jedes Kind, auch das ärmste, gleiche Bildungsvorraussetzungen bekommt, und wir wollen selbstredend für individuelle Förderung, d.h. integrative Klassen sorgen. Da wird  jedes Kind mitgenommen, egal ob minder- oder hochbegabt, arm oder reich, ob Migrantenkind oder deutsches Kind.  Das jetzige dreigliedrige System ist nämlich ungerecht hoch Zehn. Arme, die sich keine Nachhilfe leisten können, gehen darin völlig unter.  Ich sage Dir, investieren  wir weiterhin so wenig in unsere Kinder,  können die später einpacken und weltweit Popos putzen gehen!“

„Wau, dieses Szenario sitzt! Ich glaube, wenn ich das meiner Freundin erzähle - die ist nämlich prekär beschäftigt und Mutter von drei Kindern - wenn ich der das erzähle - da bin ich mir ganz sicher - wird sie die Linke wählen! Vielen Dank, Schwesterchen, und grüße noch den Florian ganz herzlich von mir!“

„Mach ich. Tschüss. Und vergiss ja nicht den Wahlsonntag am 18.1.09!“

„Ja, ist doch Ehrensache!  Küsschen!“

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